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Geschlechtsumwandlung: Endlich im eigenen Körper ankommen

Herr Amro Amr
Herr Amro Amr am 02.01.2023
Geschlechtsumwandlung: Endlich im eigenen Körper ankommen

Sich nicht mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht identifizieren zu können, stellt für die Betroffenen eine große Belastung dar. Sie haben das Gefühl, im falschen Körper zu stecken. Die moderne Medizin ermöglicht es den Behandlungssuchenden jedoch, das psychologische Geschlecht Wirklichkeit werden zu lassen. Trotz ihrer Länge und Komplexität haben sich einige Chirurg:innen auf geschlechtsangleichende Operationen spezialisiert.

Inhalt

    Transgender Definition

    Die Begrifflichkeiten sind gerade für Nicht-Betroffene häufig nicht ganz deutlich. So wurde früher von Transsexualität gesprochen, obwohl Transgeschlechtlichkeit unabhängig von der sexuellen Orientierung ist. Der Begriff Trans wird für und von Personen genutzt, deren Geschlechtsidentität nicht mit dem eingetragenen Geschlecht übereinstimmt. Erst im Jahr 2022 wurde im ICD-11 (11. Version der Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandten Gesundheitsprobleme) der Begriff „Transsexualität“ durch „Geschlechtsinkongruenz“ ersetzt und zählt nun nicht mehr zu den psychischen Störungen. Betroffene können unter Geschlechtsdysphorie bzw. Genderdysphorie leiden, bei der schwere Depressionen, Ängste und Reizbarkeit entstehen, weil der eigene Körper nicht mit dem Geschlecht übereinstimmt. Der Wunsch nach einer chirurgischen Geschlechtsangleichung ist groß.

    Als Transmann bezeichnet man Personen, denen bei der Geburt das weibliche Geschlecht zugeordnet wurde, die sich jedoch als Mann identifizieren. Transfrauen sind Menschen, die sich als Frau identifizieren, obwohl ihnen bei der Geburt auf Grund von männlichen Geschlechtsmerkmalen das männliche Geschlecht zugeordnet wurde.

    Transgender Operation

    Bei der Geschlechtsangleichenden-OP, auch GA-OP genannt, werden primäre und/oder sekundäre Geschlechtsmerkmale dem Geschlechtsempfinden angeglichen. Man unterscheidet dabei zwischen Frau zu Mann (FzM) und Mann zu Frau (MzF). Beide Eingriffe stellen wir hier näher vor. Generell sind für beide Anpassungen häufig mehrere Eingriffe in gewissen Abständen nötig. Für beide Angleichungen gilt jedoch, dass zumeist unterstützend eine Hormontherapie mit Testosteron bei FzM oder Östrogen bei MzF bereits der OP begonnen sein muss.

    Geschlechtsanpassung Frau zu Mann – FzM

    Die Mastektomie ist häufig der erste chirurgische Schritt für Transmänner. Bei dem Eingriff wird das Brustdrüsengewebe und ggf. überschüssige Haut entfernt. Die Brustwarzen werden hierbei häufig nach oben versetzt, die Narbe liegt nach Entfernung größerer Hautstücke meist unterhalb des Brustmuskels. Ziel ist es immer, eine möglichst kleine und unauffällige Narbe zu erreichen. Narbenführung und -größe sind jedoch immer von der jeweiligen Größe der Vorhöfe, Drüsengewebe und Hautbeschaffenheit abhängig.

    Bei der Hysterektomie wird die Gebärmutter samt Eileitern und Eierstöcken (Adnexektomie), aber auch die Vagina (Kolpektomie) operativ entfernt. Auch hier liegt der Fokus auf narbensparender Arbeit, so dass der Eingriff möglichst minimal-invasiv durchgeführt wird.

    Gleichzeitig oder zu einem späteren Zeitpunkt kann ein Klitorispenoid aufgebaut werden. Andere Begriffe für den Eingriff sind Metaidoioplastik, kleines Penoid oder Klitpen. Die durch die Hormonbehandlung mit Testosteron vergrößerte Klitoris wird weiter gestreckt und die Harnröhre aus den kleinen Schamlippen bis zur Klitorisspitze hin verlängert, so dass Urinieren im Stehen möglich ist. Eine Kolpektomie ist hierfür nicht zwingend notwendig. Bei durchgeführter Kolpektomie können in die äußeren Schamlippen Hodenimplantate gesetzt werden.

    Manche Chirurgen bestehen darauf, dass erst ein Klitpen-Aufbau gemacht wird, bevor mit der Phalloplastik begonnen wird. Hierfür wird ein Hautlappen, meist aus dem Unterarm, entnommen, um einen möglichst natürlichen Penis daraus zu formen. Der sog. Radialislappen erlaubt die Formung einer neuen Harnröhre und eine gute Formung des Gewebes. Um eine gewisse Sensibilität am Penoid herzustellen, werden Venen und Arterie aus dem Hautlappen mit Nerven aus dem Unterbauch verbunden. Die Klitoris wird je nach Wunsch seitlich an der Penoidbasis eingepflanzt oder innerlich am Penoidansatz integriert, so dass in den allermeisten Fällen die Orgasmusfähigkeit erhalten bleibt.

    Geschlechtsangleichung Mann zu Frau – MzF

    Bei der feminisierenden Geschlechtsangleichung werden Penis und Hodenhaut zur Neovagina umgeformt. Aus der Eichel wird die Neoklitoris geformt, aus der Haut des Hodensacks die Schamlippen. Dabei wird besonders auf die Schonung der sensiblen Nerven Wert gelegt. Der Schwellkörper und die Hoden werden vollständig entnommen. Zwischen Anus und Penis wird während der Operation der Raum für die Vagina geschaffen. Die Harnröhre wird zur Bildung der innenliegenden vaginalen Schleimhaut verwendet und soll eine spontane Befeuchtung bei Erregung ermöglichen. Aus dem Hodensack werden sowohl die großen wie auch die kleinen Schamlippen gebildet. Die großen Schamlippen werden mit dem Fettkörper des Hodensacks gefüllt. Auch hier werden häufig korrigierende Operationen nach 3 – 6 Monaten durchgeführt, um insgesamt die gewünschte Funktionalität zu erreichen.

    Die neu geformte Körperhöhle der Vagina muss mittels sog. Dilatation bzw. Bougierung ausgedehnt werden, um die Vagina aufrecht zu erhalten. Wird nicht regelmäßig bougiert, kann die Neovagina verwachsen. Direkt nach der Operation werden die Patientinnen in der Klinik angeleitet und erst entlassen, wenn das Bougieren gut funktioniert.

    Außerdem werden zur Feminisierung Brustimplantate eingesetzt, wenn das natürliche Brustwachstum durch die Hormontherapie nicht ausreicht oder nicht zufriedenstellend für die Patientin ist. Für alle Eingriffe empfiehlt es sich, gezielt Expert:innen für Transgender-Operationen aufzusuchen.

    Wie lang dauert eine Geschlechtsumwandlung?

    Wie lange jemand bis zum Abschluss seiner Geschlechtsanpassung benötigt, lässt sich nicht pauschal beantworten. Auf dem Weg zum eigenen Ich liegen viele bürokratische Hürden, die gemeistert werden müssen. Dazu zählt die Personenstandsänderung sowie zahlreiche Gespräche mit Psychiater:innen und Psycholog:innen zum Erstellen der benötigten Gutachten. Bevor mit den geschlechtsangleichenden Operationen begonnen werden kann, wird oft empfohlen, bereits mindestens 6 Monate die Hormontherapie gemacht zu haben. Gerade für die Bildung des Klitorispenoid ist dies unerlässlich, da das Wachstum der Klitoris für das Ergebnis entscheidend ist.

    Die einzelnen geschlechtsangleichenden Operationen dauern mitunter 6 – 9 Stunden. Der Operation gehen Vorgespräche mit dem behandelnden Arzt voraus, bei denen alle offenen Fragen, Risiken und Patientenwünsche offen und ehrlich besprochen werden. Häufig sind mehrere Eingriffe nötig, bis das gewünschte Ergebnis erreicht ist, so dass kein genauer Zeitraum angegeben werden kann, bis wann das endgültige Ergebnis erreicht ist.

    Neben den Operationen am Intimbereich und der Brust sind auch feminisierende oder maskulinisierende Operationen am Gesicht möglich. Bei der Gesichts-Feminisierung wird häufig die Haarlinie nach unten versetzt, zum Teil auch mit Haar-Transplantationen gearbeitet. Die Stirn wird dabei weicher in der Kontur geformt durch eine Rekonstruktion der Stirn. Aber auch Nase, Kinn und Kiefer können an weichere, weibliche Formen angepasst werden. Auch klassisch ästhetische Eingriffe wie Lip- oder Cheekfiller kommen zum Einsatz, um das gewünschte Ergebnis zu erzielen.

    Um das Gesicht männlicher zu machen, erreicht die Testosteron-Therapie bei vielen Patienten bereits ein zufriedenstellendes Ergebnis. Dennoch ist es möglich, Kiefer und Kinn mit Implantaten kantiger aussehen zu lassen und weibliche Merkmale, wie Fettdepots, durch Absaugung oder Fett-weg-Spritze zu entfernen.

    Gibt es bei der Geschlechtsangleichung eine Altersgrenze?

    Für die Hormontherapie gilt eine Altersgrenze von 16 Jahren. Für die operativen Eingriffe der Geschlechtsangleichung ist ein Mindestalter von 18 Jahren vorgegeben. Auch hier ist es jedoch wichtig, dass die vorgegebenen Prozesse, wie die Erstellung der Gutachten und Nachweise, der Alltagstest und weitere Therapieschritte durchlaufen wurden. Für die Namens- und Personenstandsänderung gibt es keine Altersbegrenzung.

    Wichtig zu wissen: Für die Änderung des Personenstands ist keine genitalangleichende Operation notwendig. Die Patientinnen und Patienten dürfen laut Bundesverfassungsgericht nicht (mehr) zu operativen Eingriffen gezwungen werden. Unter dem sog. Transsexuellengesetz war es sogar bis 2011 verpflichtend, sich bei der Personenstandsänderung sterilisieren, sowie im Falle einer bestehenden Ehe, scheiden zu lassen.

    Das Ergebnis der Geschlechtsumwandlung

    Die Transition ist für jeden ein individueller Prozess, für den es keinen festgelegten Zeitstrahl gibt. Auch die Reihenfolge der Operationen richtet sich in der Regel nach dem Leidensdruck der Patient:innen. Da viele der geschlechtsangleichenden Eingriffe aufeinander aufbauen, ist die Wundheilung immer ein variabler Faktor, welcher den Prozess auch negativ beeinflussen kann. Auch welche operativen Schritte überhaupt ergriffen werden, entscheidet jede:r für sich alleine.

    Welche Kosten entstehen bei der Geschlechtsumwandlung?

    Die Kosten einer Geschlechtsangleichung können sich im vier- bis fünfstelligen Bereich bewegen, je nach Umfang und Anzahl der durchgeführten Eingriffe. In Deutschland braucht die Krankenkasse für die Kostenübernahme zwei Gutachten unterschiedlicher Psychiater:innen bzw. Psycholog:innen, welche die Geschlechtsinkongruenz bestätigen. So müssen Betroffene die Kosten für ihre Geschlechtsangleichung in der Regel nicht selbst tragen. Bei den Feminisierungen oder Maskulinisierung im Gesicht müssen die Kosten jedoch selbst getragen werden.

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